GB Stadtentwicklung, Ausnahme & Regel | Modellprojekt Servicestelle „Jugendräte“ im Rahmen des Programms Soziale Stadt
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Modellprojekt Servicestelle „Jugendräte“ im Rahmen des Programms Soziale Stadt

Rahmenbedingungen
Eine zukunftsfähige demokratische Gesellschaft braucht vielseitig kompetente und engagierte Bürger/-innen, die sich verantwortlich an ihrer Entwicklung beteiligen.
Die Mitwirkungsbereitschaft an gesellschaftlicher Entwicklung und die dazu erforderlichen Fähigkeiten sind abhängig von vielfältigen Kompetenzen der Akteure und den Möglichkeiten zur Partizipation, wie politische Legitimation, institutionell und administrativ abgesicherte Rahmenbedingungen und dem Einüben von öffentlicher Teilhabe an Entscheidungen und Gestaltungen. Es sind frühzeitig, altersgerechte und lebensweltbezogene Lernstrukturen und Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen, die jedem Einzelnen die gleichen Chancen eröffnen, sich alle wichtigen Kompetenzen für eine umfassende Teilhabe an der Gesellschaft anzueignen. Dies gilt in besonderem Maße für Jugendliche aus bildungs- und politikferner Umgebung, wie sie sich in den Gebieten der Sozialen Stadt konzentrieren.

Ein für Jugendliche geeignetes Lern- und Erfahrungsfeld erkennt an, dass Jugendliche freiwillig und selbstbestimmt handeln wollen, konkrete Handlungs- und Entscheidungsspielräume benötigen, Sinnhaftigkeit und Erfolg ihres Handelns sowie Anerkennung erfahren wollen. Die vorhandenen Konzepte, Strukturen und Erfahrungen in Berlin, speziell in den Gebieten des Programms Soziale Stadt und im Bundesgebiet werden im Rahmen des Modellprojektes einbezogen, so dass eine vielseitige Unterstützungsstruktur entsteht, die auf unterschiedliche Erfordernisse und Voraussetzungen reagieren kann.

In den Gebieten der Sozialen Stadt liegen positive Erfahrungen mit vielfältigen und differenzierten Partizipationsformen vor. Auffallend ist, dass Jugendliche in den Strukturen wenig bis gar nicht vertreten sind bzw. sich dort engagieren. Sie finden Themen und Rollen nicht attraktiv, Jugendinteressen werden meist durch Dritte vertreten und es fehlen vor allem authentische Übungsfelder. Diese Erfahrungen Jugendlicher werden im Modellprojekt „Jugendräte“ aufgegriffen und im Sinne von „empowering youth“ angewendet. Das heißt, es werden potentielle Ressourcen aktiviert, modellhaftes Engagement gefördert und eine Lücke in adäquater und ansprechender Form geschlossen.

In Ergänzung zu den bisherigen Beteiligungsformen, bietet das Modell „Jugendräte“ Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein individuelles Lern- und Erprobungsangebot, das sie unterstützt bei:
dem Erwerb von Fachwissen, auf einem Fachgebiet, das sich an den Interessen des jeweiligen Jugendlichen und seinen Ressourcen orientiert,
dem Zurechtfinden in Verwaltungs- und Politikstrukturen,
dem Einüben in die demokratische Aushandlungskultur,
der Qualifizierung zum Ansprechpartner für die Gleichaltrigen-Gruppe im Bezirk,
der Qualifizierung zum Berater für Verwaltung, Politik und Kiezgremien,
der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit durch Erfahren von Kompetenzerwerb und Anerkennung,
zivilgesellschaftlichen Aktivitäten.

Die Jugendlichen werden pro Bezirk in Gruppen von mindestens 7 Personen qualifiziert. Die Hauptzielgruppe des Modellprojektes ist die Gruppe der Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen.

Die „Jugendräte“ sind die ständigen Vertreter für ihre Altersgruppe im Quartier.
Sie erhalten ein Anhörungsrecht und perspektivisch ein Beratungsrecht in den jeweiligen Gebiets- und Partizipationsstrukturen.
Sie delegieren ihre Sprecher in bestehende oder zu schaffende Beiräte bei Verwaltungen und Politik auf Bezirks- und Landesebene.
Sie übernehmen Aufgaben und damit Verantwortung in den für sie vor Ort relevanten Themenfeldern.
Sie übernehmen eine Mittlerfunktion zwischen Jugendlichen und Organisationen.
Sie nehmen am überregionalen und internationalen Austausch mit Jugendlichen aus anderen Ländern (Europa) als „Botschafter“ teil.

Die Jugendlichen stehen als „natürliche Personen“ und nicht als institutionelle Vertreter für ihren Kiez.
Für die Jugendlichen wird eine Anerkennungskultur schaffen, die sich auch förmlich ausdrückt (Urkunde, Würdigung durch Bürgermeister, Treffen mit Jugendlichen aus dem Ausland etc.).

Zur Unterstützung und Umsetzung des Modellvorhabens wurde eine Servicestelle bei der Stiftung SPI im Geschäftsbereich Stadtentwicklung, Ausnahme & Regel, eingerichtet. Die fachliche Steuerung obliegt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Dabei wird die von ihr beauftragte Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik als Transferstelle des Landes eingebunden.

Die fachlich inhaltliche Begleitung des Verfahrens erfolgt durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Hierdurch könnten bundesweite Erfahrungen in das Verfahren einfließen. Die zentralen Kooperationspartner bei der operativen Umsetzung des Modellprojektes sind die Bezirke.

Umsetzung und erste Erfahrungen
Die Arbeit erfolgt in 3 Stufen, von den die ersten beiden beauftragt und durch das Land Berlin und die Bundeszentrale für politische Bildung finanziert werden.
In der 1. Stufe wurde eine vertiefende Recherche und Auswertung praktischer Berliner Erfahrungen und bundesweit vergleichbarer Ansätze durchgeführt und ein differenziertes Modell entwickelt. Dies geschah in enger Kooperation mit den Bezirksämtern und den Trägern der Stadtteilverfahren vor Ort.

In der 2. Stufe, der Modellerprobung, wurden 4 Quartiere identifiziert in denen das Modell jetzt zur Anwendung kommt. Diese Gebiete sind hinsichtlich Bevölkerung, Sozial- und Baustruktur, Art des Stadtteilverfahrens etc. unterschiedlich. Bis Ende des Jahres 2008 wird das Verfahren dort erprobt. Seit Sommer 2008 erfolgt eine externe Evaluierung. Daran anschließend wird entschieden, ob sich und wenn ja in welcher Form eine 3. Stufe anschließt, in der eine flächige Implementierung in weiteren Gebieten der Sozialen Stadt erfolgt, so dass die positiven Ergebnisse und Erfahrungen landesweit genutzt werden können. Das Projekt war anfangs von den klassischen Schwierigkeiten ressortübergreifender Projekte geprägt.

Das „dicke Brett“ der Kooperation zwischen verschiedenen Ressorts und Ebenen wurde erfolgreich angegangen, so dass es trotz unterschiedlicher Träger- und Verwaltungsstrukturen in den Gebieten:
Heerstraße Nord (Spandau),
Bülowstraße/WAK, Schöneberger Norden (Tempelhof-Schöneberg),
Gropiusstadt/Lipschitzallee (Neukölln),
Hellersdorfer Promenade (Marzahn-Hellersdorf)
gleichermaßen gut funktionierende Modelle der Zusammenarbeit gibt.

Grundlage des Projektes sind Kooperationen mit Jugendfreizeiteinrichtungen sowie Haupt- und Oberschulen zur pädagogischen Begleitung der Jugendlichen.

Der Ablauf in den Gebieten strukturierte sich wie folgt:
Auftaktworkshop, Information – Motivation – Themenfindung,
Projektentwicklung und –durchführung,
erste Kontakte der Jugendlichen zu Quartiersräten,
Erwerb von Qualifikationen, Wissen über politische und administrative Strukturen,
Erwerb von Beratungskompetenz,
sukzessive Einbindung der Jugendlichen in die Strukturen vor Ort.

Ein Zwischenresümee der bisherigen Arbeit lässt sich folgendermaßen ziehen:
Jugendliche mit nicht gymnasialem Bildungshintergrund können für das Projekt „Jugendräte“ interessiert werden,
Jugendliche über Schulen für ein externes Projekt zu gewinnen, scheint weniger erfolgreich als in Freizeiteinrichtungen,
den Bezugspersonen der Jugendlichen in „ihren“ Einrichtungen kommt eine fundamentale Funktion zu,
Mädchen und Jungen scheinen gleichermaßen interessiert zu sein,
auch die begleitenden Sozialpädagogen benötigen fachliche Beratung und Unterstützung.

Das Projekt läuft derzeit in allen Gebieten unter reger Teilnahme der Jugendlichen. Ab September 2007 erfolgten eine externe Evaluierung und seit Sommer 2008 eine Erarbeitung von Strategien für die Implementierung in das Regelgeschäft der beteiligten Verwaltungen und der Akteure der Stadtteilverfahren.

Ansprechpartner:
Ingrid Sander
Fon: 030.49300114

Svenja Wagner
Fon: 030.49300115

Jeanne Grabner
Fon: 030.49300123