GB Stadtentwicklung, Ausnahme & Regel | Quartiersmanagement
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Das Quartiersmanagement von 1998 – 2007

Im Vorlauf zum Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“ reagierte Berlin 1998 auf prekäre soziale und ökonomische Lebenslagen in einigen Stadtquartieren, die es unattraktiv machten dort zu leben und die seinen Bewohnern ungleiche Teilhabechancen bescherten. Zusätzlich zu wohnungspolitischen Maßnahmen beauftragte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung interdisziplinär besetzte Teams, gemeinsam mit den Vorort-Akteuren und unter Berücksichtigung der lokalen Besonderheiten einen Kommunikations- und Handlungsprozess in Gang zu setzen, der die Stabilisierung und Weiterentwicklung des Quartiers zum Ziel hatte.

Der Geschäftsbereich Stadtentwicklung, Ausnahme & Regel, wurde mit dem Quartiersmanagement (QM) am Kottbusser Tor/Oranienstraße in Friedrichshain-Kreuzberg, in der Bülowstraße/WAK in Tempelhof-Schöneberg und am Sparrplatz in Mitte beauftragt. Von Beginn an eine strategische Zusammenarbeit mit der mpr Unternehmensberatung. In Schöneberg wurde eine Kooperation mit der AG SPAS, in Mitte mit dem Kommunalen Forum Wedding eingegangen. 2005 wurde das Gebiet am Kottbusser Tor erheblich erweitert.

Aufgrund der ab dem Jahr 2007 aufgenommenen Tätigkeit der Programmservicestelle (PSS) im Rahmen des Programms „Zukunft im Stadtteil“ beendete der Geschäftsbereich Stadtentwicklung, Ausnahme & Regel, zum 31.05.2007 seine Leistungen als Beauftragte für das Programm „Soziale Stadt“ in den genannten drei Quartieren.


Kurzcharakteristik der Gebiete

Zentrum Kreuzberg/Oranienstraße
Das Gebiet „Zentrum Kreuzberg/Oranienstraße“ wird zum einen durch die städtebaulichen Großformen mit Wohnen und Gewerbe nördlich und südlich der U-Bahnstation „Kottbusser Tor“ und die Verkehrsflächen, zum anderen durch die kleinteiligen Strukturen um die Oranienstraße geprägt. Es ist ein symbolhafter Ort für die Hausbesetzerszene und die behutsamen Stadterneuerung, für das neue Milieu aus alternativer Kiezherrlichkeit, Autonomen und von Armut bedrohter Bevölkerung. Es war auch stets eine zentrale Stelle der 1. Mai-Krawalle. Der hohe Anteil von Migranten führt zu einem überwiegend türkisch geprägten Gebiet mit einer entwickelten, großteils migrantischen Trägerlandschaft.  Die Sozialstrukturdaten sind ungünstig und es bestehen auf Grund von Verkehr und städtebaulicher Dichte hohe Umweltbelastungen für die Wohnbevölkerung. Die Drogenproblematik um das Kottbusser Tor hat gesamtstädtische Relevanz und drückt dem öffentlichen Raum ihren Stempel auf.

Bülowstraße/WAK
Das Gebiet „Bülowstraße/Wohnen am Kleistpark (WAK)“ zeichnet sich durch seine zentrale innerstädtische Lage, südwestlich des Potsdamer Platzes aus. Hier stand bis in die sechziger Jahre der legendäre „Sportpalast“. Bis heute ist dieser Ort sprachlich aufgehoben in den Bezeichnungen „Sozialpalast“ und „Pallasseum“, mit denen eine stadträumlich prägende Großwohnanlage des sozialen Wohnungsbaus volkstümlich bezeichnet wird.

Das an ansonsten von überwiegend gründerzeitlichen Altbauten geprägte Gebiet beiderseits der Potsdamer Straße war lange Zeit Amüsier- und „Rotlichtviertel“ Berlins. Mit der Sanierung der siebziger und achtziger Jahre verschwanden die Bordelle. Der Straßenstrich und die Drogenszene haben jedoch bis heute überlebt. Das aktuelle Bild wird geprägt von einem hohen Migrantenanteil der Wohnbevölkerung, von ungünstigen Sozialstrukturdaten und hohen Umweltbelastungen auf Grund von Verkehr und städtebaulicher Dichte. Mit dem Wegfall der Mauer erlitt das Gewerbe der Geschäftsstraße einen deutlich spürbaren Bedeutungsverlust.

Sparrplatz
Das Gebiet „Sparrplatz/Sprengelkiez“ befindet sich im südlichen Teil des Wedding und stellt eine Innerstädtische Randlage mit überwiegend gründerzeitlichen Altbauten dar. Der unmittelbar angrenzende Leopoldplatz, die FHTW und das Unternehmen Bayer Schering bilden eher Barrieren, als dass sie integrierend wirken. Es ist ein Gebiet mit geringer Wohn- und Lebensqualität; der Einzelhandel steht unter besonderem Druck der neu entstandenen Einkaufs-Passagen im Weddinger Zentrum. Die ausgewiesenen, negativen Sozialdaten unterscheiden sich nicht gravierend von denen anderer Quartiersmanagementgebiete. Zu den Gebietsspezifika zählen jedoch: die stadträumlich relativ isolierte Lage, der deutlich spürbare „Bevölkerungsaustausch“ (das Gebiet ist ein überdurchschnittlich junger Stadtteil), das gravierende Defizit an Arbeitsplätzen (Industriearbeitsplätze fehlen gänzlich), die hohe Anzahl an Transferleistungsempfängern (besonders bei Migranten), das Fehlen von Bildungseinrichtungen über die Grundschulstufe hinaus sowie das deutliche Defizit an  freien Trägern im Quartier - speziell im Bereich der Jugend- und Bildungsarbeit.


Der Beginn des Quartiersmanagements
Ausgangspunkt für die strategischen Überlegungen zur Quartiersentwicklung war zunächst die Ermittlung von Potenzialen des Quartiers und seiner Bewohner/Akteure. Schnell waren ehemals Aktive und noch interessierte Mieter/-innen, gemeinnützige Träger und Gewerbetreibende gefunden, die das Gebiet, seine Probleme und Potenziale gut kannten und an seiner Verbesserung mitwirken wollten.
Die Probleme der Bewohner/-innen und lokalen Akteure machten sich hauptsächlich, an einem fehlenden Sicherheitsgefühl und dem Zustand des Wohnumfeldes, an Arbeitslosigkeit und fehlenden Angeboten für Kinder und Jugendliche fest. In Schöneberg und Kreuzberg wurden die Zustände in und um die Großobjekte bemängelt, ebenso der Drogenhandel und -konsum. Einige dieser Problemfelder sind überregional, national oder sogar global verursacht. Sie sind mit dem Instrument Quartiersmanagement nur partiell zu lösen. Sehr wohl aber können ihre negativen Auswirkungen für das Quartier und seine Bewohner/-innen, beharrlich Schritt für Schritt, mit den richtigen Strategien und mit gemeinsamen Anstrengungen vieler Akteure, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, gemindert werden.


Arbeits- und Entscheidungsstrukturen
Von Beginn an bauten die QM-Teams Strukturen auf, die es vielen Vorortakteuren, auch Bewohnern mit Migrationsbiographien ermöglichten, sich mit ihren Fähigkeiten, Ideen und ihrem Wissen in den Entwicklungsprozess aktiv einzubringen. So entstanden über die Jahre verschiedene Gremien, die gruppen- und themenbezogen arbeiteten, der Information und Kommunikation, der Abstimmung von Zielen und strategischen Maßnahmen sowie der Verausgabung von Fördermitteln dienten (Sozialen Stadt, LOS, Demokratie und Toleranz, E&C).

Die Ziele und strategischen Maßnahmen wurden in Integrierten Handlungskonzepten niedergeschrieben. Dafür wurden die einzelnen Handlungsfelder vom Auftraggeber, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, vorgegeben. Durch ihre Systematik sollten Ziele transparent gemacht und Handlungsschritte zur optimalen Ressourcenverwertung und Zielerreichung überprüfbar werden.

Die wichtigen Entscheidungen zur Entwicklung und Umsetzung des Handlungskonzeptes fielen in den Steuerungsrunden des QM-Teams, an denen die QM-Koordinatoren/-innen des Bezirks und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung teilnahmen. Die für das Quartiersmanagement zuständigen Stadträte bzw. bei direkter Zuordnung der Bürgermeister, wurden regelmäßig in der sogenannten Lenkungsrunden informiert. Ab dem Jahr 2001 wurde das Handlungskonzept dem Bezirksamt zur Bestätigung vorgelegt. Seit 2005 wurde es ebenfalls in einer Fachämterrunde sowie der BVV vorgestellt und dort diskutiert, Anregungen und Empfehlungen eingearbeitet. Bewohner/-innen und andere lokale Akteure beteiligten sich ebenso wie Mitarbeiter/-innen aus den Fachämtern in den verschiedenen Abstimmungsgremien. Es erfolgten regelmäßige Bewohnerforen aus denen sich Quartiersbeiräte entwickelten, die bei der Entscheidung über Projekte und die Vergabe von Fördermitteln mitwirkten und denen ab 2005 die Vergabe der Fördermittel verantwortlich übergeben wurde. Die Bewohner stellten in den Beiräten die größte Gruppe, die sonstigen lokalen Akteure die übrigen Mitglieder.

Neben diesen kontinuierlich arbeitenden Gremien, organisierten die QM-Teams weitere, themen- bzw. gruppenbezogene, lang- oder kurzfristig tätige Arbeitsgruppen oder nahm an solchen des Bezirks teil. Dabei reichte das Spektrum von objektbezogener baulicher Mitwirkung bis zu Bildungs-AGs. Solche Maßnahmen bezogen sich auf die Elternaktivierung und -beratung, auf zusätzliche Sprachförderung, Bewegungs- und Ernährungsangebote und auf die Förderung des Sozialverhaltens.


Maßnahmen – Handlungsschwerpunkte
Die ersten 2 Jahre waren überwiegend geprägt von schnell umzusetzenden und sichtbaren Maßnahmen im öffentlichen Raum, um Zeichen zu setzen und den Bewohnern zu zeigen, dass etwas Neues begann. Es folgten weitere Umgestaltungen, die das äußere Erscheinungsbild deutlich verbesserten. Dies führte zu zahlreichen Aktionen, teilweise turbulenten Bewohnerforen und Forderungen an die Politik.

Nach dem ersten Jahr mit vielen Projekten im öffentlichen Raum wurden zunehmend Maßnahmen gefördert, die in die Menschen und nicht in tote Materie investierten.

Bewohner/-innen mit z. T. Migrationsbiographie gründeten eigene Initiativen. Kindern und Jugendlichen, Frauen und Männern wurden Orte zum geselligen Zusammensein, zum gemeinsamen Lernen, zur Beratung und zur Information angeboten. Andere Träger ergänzten ihr Angebot um Deutsch- und Alphabetisierungskurse und Bewohnertreffs. Schulabgänger wurden bei der Ausbildungsplatzsuche unterstützt.

Die lokalen gewerblichen Strukturen wurden unter den Aspekten Existenzgründung und Bestandspflege gezielt gestärkt. Dazu gehörte sowohl die Bildung und Unterstützung von Netzwerkstrukturen der Gewerbetreibenden, als auch konkrete Projekte die Räume für gemeinsame Aktivitäten neuer Gründer beinhalteten.

In den QM-Gebieten kristallisierte sich nach und nach der Bereich Bildung als ein Handlungsschwerpunkt heraus. Bildung und Arbeit sind in besonderem Maße geeignet, gleichwertige Lebensbedingungen und Teilhabechancen für die Bewohner im Quartier herbeizuführen. Bildungsförderung kommt dabei der zentrale Stellenwert zu, weil für die Integrationschancen sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in die Gesellschaft zunehmend die erfolgreiche Teilnahme am Bildungssystem vorausgesetzt wird.

Dem entsprechend wurden gekoppelt an Schulstandorte Bildungsnetzwerke etabliert, in die Schule, Eltern und Träger eingebunden wurden.

Die Ausrichtung der Arbeit in den Quartiersmanagementgebieten des Geschäftsbereichs Stadtentwicklung auf Bildung, Arbeit und Integration fand 2005 mit der Berlinweiten Neuausrichtung des Quartiersmanagements auf eben diese Inhalte ihre Bestätigung.

Besondere Bedeutung erhielten die QM-Vorortbüros, die sich zu gut frequentierten Informations- und Versammlungsort für Bewohner und Gruppen entwickelten. Dem Bürgerengagement und der Selbsthilfe als den Schlüsselelementen der QM-Tätigkeit konnten damit Orte für Kommunikation, Beratung und Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden. Dort trafen sich neue Gruppen. Zum Beispiel Frauen türkischer, arabischer und deutscher Herkunft kamen wöchentlich zum Frühstück und zur Erörterung verschiedener Fachthemen mit Experten/-innen zusammen. Diese Entwicklung wurde unterstützt durch das QM-Team, in dem Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund tätig waren.

Die Tätigkeit der QM-Teams konzentrierte sich in den Jahren 2006/2007 auf den Aufbau, die Qualifizierung und Begleitung der Quartiersbeiräte, der in die Lage versetzt werden sollten, auf der Grundlage des Handlungskonzeptes Projektideen und Maßnahmen beurteilen und abstimmen zu können.

Damit fand bei den QM-Teams über mehrere Jahre ein Rollenwechsel statt: Vom anfänglich gestaltenden Berater über Prozessteuerer, Koordinator und Moderator letztendlich zum Organisator und Sekretär des Quartiersrates.


Resümee
Das Quartiersmanagement war Initialzündung und Motor für eine seit sieben Jahren anhaltende und potenziell nachhaltige Veränderung in den Gebieten. Die besonderen Qualitäten des QMProzesses sind:
das Aufgreifen und Verstärken der im Gebiet vorgefundenen Stärken,
die Gleichzeitigkeit und Mehrdimensionalität in den jeweiligen Handlungsfeldern,
die strategische Qualität einzelner Handlungsansätze,
die Synergien mit Handlungsansätzen in anderen Bereichen (Berliner Bildungsprogramm, Ganztagschule, Sozialraumorientierung, Jobcenter),
die Zunahme der Kommunikation von Akteuren aus verschiedenen Bereichen und verschiedener Herkunft,
der Aufbau von partizipativen Elementen bzw. Strukturen, von der lebensweltbezogenen Aktivierung sozialer Zielgruppen im Rahmen von Projekten bis hin zur gebietsbezogenen Mitwirkung an der „Politik“ des QM in Form des Quartiersrates.

Bemerkenswert an diesen Qualitäten ist insbesondere, dass sie organisch zu entwickeln waren und nur so entfaltet werden konnten. Aus dem ursprünglichen professionellen Impuls ist – vermittelt über vielfältige Wege der Teilhabe und Aktivierung von anderen professionellen wie nicht-professionellen Akteuren – eine neue Struktur des Handelns hervorgegangen. Die Akteure haben gelernt miteinander produktive Kooperations- und Arbeitsbeziehungen einzugehen. Das zentrale Thema ist das Leben im Gebiet. Dabei ist die gewachsene Identifikation der Akteure mit dem Kiez zugleich Ursache und Wirkung des Veränderungsprozesses.

Die Berlin- und bundesweiten Erfahrungen sowie Erfolge bei der Stabilisierung und Entwicklung von benachteiligten Quartieren zeigen praxisnah, dass das Instrument Quartiersmanagement, mit seiner bewohnergetragenen Ausrichtung, grundsätzlich geeignet ist, sozial und wirtschaftlich benachteiligte Stadtteile systematisch aufzuwerten, mit der perspektivischen Zielsetzung, dass die Bewohner und lokalen Akteure deutlich und konstruktiv (Mit)-Verantwortung für ihre Wohnquartiere übernehmen. Das dies ein längerfristiger Prozess ist, der einer steten Überprüfung und Erfolgskontrolle unterliegen muss, darin sind sich alle Beteiligten sowie Fachexperten einig.

Auf dem Weg zur Entwicklung einer gesamtstädtischen ressortübergreifenden Rahmenstrategie Soziale Stadtentwicklung hat der Berliner Senat aktuell am 20. Mai 2008 die Grundsätze einer Sozialen Stadt(teil)entwicklung in Berlin beschlossen. Darin wird deutlich zum Ausdruck gebracht, das die Erkenntnisse und Erfahrungen des QM sowohl auf strategischer als auch operativer Ebene in die Strategieentwicklung einfließen sollen. Die dem Quartiersmanagement zugrunde liegende Philosophie eines integrierten Planens und Handelns sowie der fachplanerische Ansatz der Sozialraumorientierung (bereits in der Jugendhilfe praktiziert) soll perspektivisch auch stadtweit zur Entfaltung kommen.


Ansprechpartner:
Ingrid Sander
Fon: 030.49300114

Jürgen Berger
Fon: 030.49300116

Jeanne Grabner
Fon: 030.49300123